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  • APTBS - The. Feeling. is. gone.

    27 apr 2012, 07:10

    Di., 24. Apr. – A Place To Bury Strangers, The Sun and The Wolf
    "Die sollten hier Drogen ausgeben, das wäre schön." "Die nimmst Du mir aber nicht mit in's Auto!" "Hatte ich auch nicht vor. Bis dahin wollte ich mir die schon zugeführt haben. Oder darf man nicht in einem Auto mitfahren, wenn man unter Drogeneinfluß steht?" "Quatsch, klar geht das. Sonst dürfte man ja nie einen Betrunkenen nach Hause fahren und Taxifahrer müßten ständig Angst haben, daß sie sich strafbar machen."

    Altmänner-Rockmusik bevor das Konzert losgeht. Ich dachte hier ist jeden Dienstag Indiedisko. Die brauchen's aber auch hart. Ich hab mir den Magnet Club eh ganz anders vorgestellt. Schöner irgendwie. Aber es ist nur ne Platten mitten in Berlin. Draußen steht nicht mal dran, wer heute spielt. Oder ob hier überhaupt jemand spielt. Die Klos sind typisch Berlin einfach mal nicht beleuchtet. Keine Ahnung wo ich hingepinkelt hab. Das gehört hier wohl so.

    Seit drei Jahren warte ich auf dieses Konzert. A Place To Bury Strangers. Die offiziell lauteste Band von New York. Ackermann baut die Effektgeräte selber. Death by Audio. Wenn ich sterbe, dann bitte im Noise-Gewitter. Vermutlich blasen sie uns das Hirn raus. Aber das ist ok, dafür hab ich bezahlt.

    Eine Stunde später.


    Das gesamte Review plus Fotos gibt's hier.
  • Gossip in L.E. - Pop goes the world.

    6 dec 2010, 14:44

    Sa., 4. Dez. – Gossip, Hercules and Love Affair

    Was fällt dir ein zu Gossip? Mit Medienberichten vorbelastete Band, vor kurzem den Bambi gewonnen, mit Rick-Rubin-Produktion und offen homosexueller Konnotation im Pophimmel angekommen. Und sonst?

    Als ich vor Jahren "Standing in the way of control" gehört hatte, war ich sofort begeistert. Dieser eigenwilligen Mix aus Punk und Soul schmeckte neu, anders und vor allem sehr lebendig. Gleiches galt für "Listen up!", der zweite erfolgreiche Titel vom dritten Studioalbum des amerikanischen Trios.

    Durch Miss Dittos NME-Nackt-Cover hatte ich kurze Zeit ein gestörtes Verhältnis zur Band. Es schien nur noch um ihr Gewicht und ihre wenigen Klamotten zu gehen. Dabei hätte genauso der Tomboy-Look von Hannah Blilie oder der Queercore-Style von Nathan Howdeshell (wie Wikipedia so schön bemerkt) diskutiert werden können. Oder eben einfach nur die explosive Musik.

    Rick Rubin war dann der Grund dafür, daß ich es mit Gossip noch einmal versucht habe. Der bärtige Mann ist bekannt für seinen eigenartigen Produktionsstil, mit dem er in den letzten Jahren jede Menge Alben aufpoliert und Künstler in neue Sphären katapultiert hat. Die prominentesten Beispiele dürften Johnny Cash und die Red Hot Chili Peppers sein.
    Im Fall Gossip überzeugt das Endprodukt "Music for men" auf ganzer Linie und ist der Grund dafür, warum diese aus der Riot-Grrrl-Bewegung kommende  Band im  Radio rauf und runter läuft und nun in der Arena und nicht im Conne Island spielt.

    Meine größte Befürchtung war, daß ich Beth Ditto vielleicht nicht mögen würde und mir ihr vielbeschriebener Bühnenshtick auf die Nerven gehen könnte. Glückerweise kam es anders: Ditto ist eine freundliche, sympathische Person, die man einfach mögen muß und eigentlich die ganze Zeit nur durchknuddeln möchte.
    Schon beim ersten Ton wird klar, daß ihre Stimme wirklich so außergewöhnlich gut ist, wie man hofft. Auch die Ansagen zwischen den Songs sind entzückend. Ditto zeigt sich immer wieder als eine Mischung aus schüchternem Teenager und versoffener Kneipenbraut.

    Die Texte von Gossip gewinnen bei der Live-Präsentation einiges an Eindringlichkeit. Während Ditto singt, plärrt und wimmert wird klar, daß sie es ernst meint. Trotz enormer medialer Aufmerksamkeit ist ihr Kampf noch lange nicht ausgekämpft. So wurde aus den Zeilen in "Yr Mangled Heart" auch "We don't want the world, we only want what we deserve".
    Neben The Long Blondes sind Gossip eine Gruppe, die sich in ihren Liedern auf sehr treffende Weise mit den vielen Zwischentönen in Beziehungen beschäftigt. Während  ein Großteil der (Charts-)Musiker lediglich die Heiterkeit und Trauer vor bzw. nach Beziehungsanfang/-ende besingt, widmet Ditto ihre Aufmerksamkeit den widersprüchlichen Gefühlen, der Unsicherheit, Eifersucht, Abhängigkeit und der Suche nach Anerkennung.

    Die Musik von Gossip steht für Freiheit in der Erscheinung und Lebensführung und obwohl Ditto das für sich größtenteils verwirklichen konnte, haben viele ihrer Fans immer noch mit Vorurteilen zu kämpfen. Die Zuschauer bestanden an dem Abend kaum aus "Freaks" (wie vielleicht erwartet): Man hätte den Inhalt eines gutbesuchten Straßenbahnwagons nehmen und einfach x-Mal in der Arena ausschütten können. Ein simples Mainstream-Publikum. Ich hatte den Eindruck,  die Leute waren ernsthaft an der Musik interessiert (wenn nicht gerade das eigene Kind begleitet wurde) und kamen nicht um sich eine lebendige Kuriositäten-Show anzusehen. Die Reaktionen blieben aber recht zahm. Es war mein erstes Konzert dieser Größe, bei dem nicht pausenlos gedrängelt, geschubst und gequetscht wurde.

    Zum Schluß des Abends hatte man das Gefühl, Ditto wollte von der Bühne gar nicht mehr runter. Die Band war längst weg und das Ende des Auftritts besiegelt, als sie eine wunderbare A-Capella-Version des Houstonschen Schmachtfetzens "I will always love you" anstimmte. Was wöchentlich in Castingshows vergeigt wird, war hier nur eine Andeutung der stimmlichen Fähigkeiten von Ditto: Die herzerreiße Liebeserklärung an ihre Fans ließ mich zum wiederholten Mal an diesem Abend ganz emotional werden und mir schwirrte dann noch lange die Frage im Kopf herum, wie es sich anfühlt, wenn man 90 Minuten alles hat und danach nichts...

    So richtig geärgert habe ich mich über die Rezension der LVZonline. Einige der dort getätigten Aussagen sind nicht richtig. "Neben ihren eigenen Songs spielen die vier Amerikaner die Hits der 80er, 90er und das Beste von heute. Zu Turner gesellen sich Daft Punk, Black Sabbath und Whitney Houston." Das stimmt nicht. An dem Abend wurden nur zwei "echte" Cover-Versionen gespielt: "What's love got to do with it?" von Tina Turner und "Heartbeats" von The Knife. Ich weiß nicht, weshalb die Redakteurin daraus ableitet: "Wieso all diese Coverversionen, fragt man sich." Daft Punk, Lady Gaga und Co. waren nur als Schnipsel, Impros und kleine Fetzen in die Songs eingebaut. Da gleich von einem Cover zu sprechen und gleichzeitig den Eindruck zu erwecken, daß halbe Set habe aus fremden Songs bestanden, ist einfach falsch.

    Der Höhepunkt ist allerdings die Behauptung:  "Denn spätestens bei Heartbeats der schwedischen Band The Knife wird klar, dass andere Bands musikalisch einfach besser sind." Wie kommt sie darauf und wie soll man das verstehen? Gossip können die Songs anderer Bands nicht spielen, andere Bands schreiben bessere Songs ...?

    Außerdem habe ich mich sehr über den herablassenden Ton gegenüber Beth Ditto und dem Publikum gewundert. "Die Fans klatschen artig." "Gossip haben ihren Status als provozierende Indie-Band längst verloren, die meisten im Publikum scheinen sie von „Wetten, dass...“ zu kennen, der eine oder andere wird aber auch eine Tina-Turner-Compilation im Plattenschrank stehen haben." "Da kann die bekennende Lesbe Ditto ihren Song gerne auch „Lesben, Schwulen und Queers“ widmen. Das stört hier nicht. Ein bisschen wild will man schon sein."

    Ich weiß nicht, warum sich Frau Streich über das Publikum lustig macht und behauptet, daß sich die Anwesenden nur dafür interessieren würden was Ditto drunter trägt oder nicht. Bei mir war es nicht der Fall. Man bekommt aber den Eindruck, bei  Streich schon. Im übrigen würde ich es eher als Fortschritt für unsere Gesellschaft werten, wenn  Eltern bedenkenlos mit ihren Kindern zu Konzerten gehen, bei denen über Homosexualität gesungen wird. Das zeigt doch nur, daß Ottonormal solche Nichtigkeiten wie sexuelle Ausrichtung egal sind und heute zum Glück nicht mehr den großen Skandal provozieren.

    Streich hingehen wollte bei dem Konzert offensichtlich provoziert werden, was ihr die Band jedoch verweigerte, indem sie einfach ihr Set ohne Zusatzeffekte runterspielte und damit bewies, daß sie musikalisch zu recht in der oberen Liga mitspielt und sich nicht auf schockierende Extravaganzen ihrer Frontfrau verlassen muß, sondern sich komplett auf deren ausgezeichnete Stimme stützen kann.