Je später der Konzertbeginn desto besser das Konzert

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Dela

28 sep 2010, 22:36

Mo., 27. Sep. 2010 – Goldfrapp in der Essigfabrik Köln

Wenn man der vermeintlichen Konzertweisheit Glauben schenkte, dann mußte das Konzert von Goldfrapp geradezu klasse werden. Da auch ich zu denjenigen gehörte, die bereits zu Beginn des Einlasses um 19 Uhr, also eine Stunde vor dem offiziellen Konzertbeginn, Schlange stand und wenig später in der sehr übersichtlichen Konzerthalle mit Clubcharakter war, wurde mir spätestens um 20:30 Uhr klar, daß ich ein wenig zu früh im Saal stand, spätestens als ein Bühnenmitarbeiter um diese Zeit bereits zum dritten Mal sämtliche E-Gitarren und Bässe stimmte. Die Frage hing in der Luft, ob dies Methode hat und Alison Goldfrapp eben gerne auf sich und ihre Livebandverstärkung warten läßt, oder aber ob der Tourbus vielleicht im Stau oder ein technisches Problem in der Halle stand. Endlich mit einer guten Stunde Verspätung begann dann das, was sich binnen Sekunden als nicht durch meinen professionellen Gehörschutz in Form zweier Akustostöpsel zu höhenreduziertem Klangbrei runter zu dämpfen erwies. Alison vorne mittig an der Rampe, von zwei Ventilatoren seitlich angeblasen und mit effektvoll geschminkten riesengroßen Augen in einem in den Liedpausen leicht raschelndem schwarzgrauen Kleid mit langen Textilschnipseln, eine Künstlerin, die sich zuerst einmal gekonnt und ohne unangenehm rampensäuisch zu wirken in Szene setzt und körperlich wie stimmlich von der ersten Sekunde an präsent ist. Um sie herum ihre vierköpfige Liveband, bestehend aus einer Keyboarderin, einem Multiinstrumentalisten in einem Kostüm wie einem zu großen Pyjama, einer Schlagzeugerin (man staune ob dieser Seltenheit) und einem etwas grimmig dreinschauenden Bassisten. Faszinierend, wie der Sound von Anfang bis Ende des nur knapp eineinhalbstündigen Konzerts derart präzise, nie schrill oder übersteuert, sondern absolut klar und teilweise gewohnt bombastisch wirkend nie als livekonzertaler Kompromiß rüberkam, sondern von Anfang an Liveatmosphäre und den gewohnten Goldfrapp-Sound vereinte.

Die ersten Songs stammten größtenteils aus dem aktuellen Album Head First und spätestens beim dritten Lied taute sowohl die Band als auch das Publikum richtig auf. Immer wieder wurde auf Veranlassung der Band rhythmisch mitgeklatscht oder die bekannten Refrains mitgesungen, Alison Goldfrapp mit ihrer erstaunlichen Stimme immer als führender Mittelpunkt. Die Frau kann also wirklich sehr gut singen, das stand nach kürzester Zeit fest, sie lebt ihre Songs hoch konzentriert und mit malerischen und phantasievollen Gesten performend, nur ihrer Band, allen voran der bärtige Mann im ein paar Nummern zu großen Pyjama, der eine elektronische Geige, Gitarren und das Umhängekeyboard immer wieder mit sympathischer Eigenironie und unendlicher Leichtigkeit bespielte, blieb ab und an Raum, wie eine liebevolle Verzierung um die zentrierte Frontfrau immer wieder direkten Publikumskontakt zu suchen und der Spielfreude Ausdruck zu verleihen, die man bei Alison nur hinter ihrer konzentrierten und schließlich das Konzert mehr als führenden Präsenz vermuten konnte.

Als nun auch Klassiker wie Strict Machine, Number 1 oder Ooh La La kamen, war der komplette Saal in die schicke und einnehmende Goldfrapp-Welt weggebeamt, so daß es wie ein viel zu früher Break erschien, als sich die Band verabschiedete, um mit einigen ersten Zugaben und der in ein anderes Kostüm getauchten Alison zurückzukommen. Jetzt kam ihr allererster Titel aus dem Debutalbum Felt Mountain, nämlich Lovely Head, vor dem zu meiner Verwunderung zwei Mikrofone im Meterabstand nahe der Bühnenkante zentriert wurden. Erst jetzt erschloß sich mir das Geheimnis des sehr eigenen und hoch dramatisch wirkenden Klanges, der in diesem Lied nichts anderes als Alisons mit Effekten und Synthesizerhilfe veränderten Stimme ist und folglich von einem eigenen Mikrofon im Gegensatz zu den normalen Singparts eingefangen werden mußte. Ich gebe zu, bisher immer ein mit Synthesizer und Studiotechnik bearbeitetes Instrument vermutet zu haben, doch hier bot sich dem Publikum eine Künstlerin dar, die einen extrem großen Stimmumfang sowie eine klassische Gesangsausbildung haben muß, um live nahezu identisch wie auf CD diesen unverwechselbaren experimentellen wie eigenen Sound hinzubekommen. Wieder einmal bewies sie, blitzschnell zwischen dem wie auf einer melancholischen Filmmusik liegenden sehr ruhigen Gesangspart und den nie unangenehm schrillen Effektstimmen wechseln und damit jonglieren zu können. Die Band untermauerte auch hier wie in allen anderen Songs mit durchgängig passendem und teilweise typisch fettem Synthesizersound ihre Performance, konnte dann auch wieder blitzschnell minimalistisch und mit klarer Struktur aufwarten wie die vom sympathischen multiinstrumentalen Pyjamaträger gespielte E-Gitarre mit einzelnen Akkordläufen. Ein Genuß, an dem man sich an diesem Abend auch nach der zweiten und letzten Verlängerung absolut berauschen und nie satt hören oder sehen konnte.

Goldfrapp live war ein perfekter Ausflug in deren musikalische Welt, von Anfang bis Ende auf hohem Perfektionsgrad balancierend und nie in Gefahr kommend, ermüdend, langweilig oder als effekthascherische Masche durchschaubar daherzukommen. Ein Abend, an dem man bei konstant perfekt abgemischtem und nie übersteuertem Sound ab- und eintauchen konnte in das, was noch vor Beginn als eine fast schon unverschämt lange auf sich warten lassende Goldfrapp-Liveformation erwartet wurde und sich schließlich als in sich und mit dem Publikum aufgehendes Konzept erwies, das seine Stärke auch darin behielt, nicht auch noch auf die wenig konzerttauglichen Stücke wie auf dem stilistischen Ausreißeralbum Seventh Tree zu setzen, sondern elektroklanglastig und mit klar akzentuierten einzelnen Instrumenten mit meist klarem Beat zu bleiben. Schade nur, daß es hinterher keine Autogrammstunde gab, so fiel der Wiedereintritt in die normale Welt ein wenig wie ein brachialer Rausschmiss aus, der mit einem bescheidenen und artigen Verbeugen der Band begann, bis auf einmal das Licht in der Essigfabrikhalle wieder anging. Und schon denkt man gerne an die emsig über ihr Keyboard gebeugte Keyboarderin, den entspannten Pyjamamann, die vor Spaß strahlende Drummerin und den sogar mal kurzzeitig ins Lachen entgleisten Bassisten zurück, an denen man immer wieder weitere funkelnde Glanzpunkte links und rechts von Alisons großen Augen hatte, ohne die man sich sonst auch noch in letzteren wie auch in der Musik hoffnungslos verloren hätte.

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