• Nachruf

    Albert Hofmann, 11. Januar 1906 – 29. April 2008
    Ein Nachruf von Lucius Werthmüller und Dieter A. Hagenbach

    Im Alter von 102 Jahren ist Albert Hofmann am frühen Morgen des 29. April 2008 in seinem Haus auf der Rittimatte bei Burg im Leimental gestorben. Noch am Wochenende zuvor sprachen wir mit ihm, und er freute sich über die blühenden Pflanzen und das frische Grün der Bäume und Wiesen. Seine Lebensfreunde, seine Lebenskraft, und sein wacher Geist haben ihn bis zu seinem letzten Atemzug begleitet.
    Er gilt als einer der bedeutendsten Chemiker unserer Zeit und ist der Entdecker von LSD, in dem er bis heute ebenso eine «Wunderdroge» wie ein «Sorgenkind» sieht. Darüber hinaus leistete er Pionierarbeit in der Erforschung anderer psychoaktiver Substanzen sowie der Wirkstoffe wichtiger Arzneipflanzen und Pilze. Unter dem Eindruck des bewusstseinserweiternden Potenzials des LSD wandelte sich der Wissenschaftler zunehmend zum Naturphilosophen und kulturkritischen Visionär.
    Bis zuletzt war Albert Hofmann aktiv: Er korrespondierte mit Fachleuten aus aller Welt, gab Interviews und nahm regen Anteil am Weltgeschehen. Dies obwohl er schon vor mehreren Jahren beschlossen hatte, sich aus dem öffentlichen Leben zurück zu ziehen. Dennoch hat er bis zuletzt Besucher aus aller Welt auf der Rittimatte empfangen und öffnete sogar am späten Abend unangemeldeten Besuchern die Tür. Noch vor wenigen Tagen lud er Freunde zu einem Harfenkonzert zu sich nach Hause ein.
    Bis zuletzt hat er sich eine fast kindliche Neugier für die Wunder der Natur und der Schöpfung erhalten können. In seinem «Paradies» – wie er sein Haus auf der Rittimatte zu bezeichnen pflegte – genoss er die Nähe zur Natur, besonders den Pflanzen. Bei einem unserer letzten Besuche auf der Rittimatte sagte er uns mit leuchtenden Augen: «Die Rittimatte ist meine zweitgrösste Entdeckung.» Es war immer ein besonderes Erlebnis mit ihm über seine Wiese zu gehen und seine Freude an allem Lebendigen mit zu erleben.
    Dankbar und in Liebe trauern um einen grossen Wissenschaftler, einen bedeutenden Philosophen, einen engen und lieben Freund, und unseren Stiftungsrat. Wir werden ihn in dankbarer und ehrender Erinnerung behalten.

    Geboren wurde Albert Hofmann am 11. Januar 1906 in der beschaulichen Schweizer Kleinstadt Baden, als ältestes von vier Kindern. Sein Vater ist Werkzeugmacher in einer Fabrik, in der er Alberts spätere Mutter kennenlernt; als er schwer erkrankt, muss Albert, als Ältester, für den Unterhalt der Familie sorgen. Deshalb absolviert er eine kaufmännische Lehre. Nebenher büffelt er Latein und andere Sprachen; denn er will die Matura ablegen, was ihm an einer Privatschule gelingt. Den Unterricht bezahlte ihm ein Taufpate.
    1926, mit zwanzig, nimmt Albert Hofmann an der Universität Zürich ein Chemiestudium auf. Vier Jahre später promoviert er dort mit Auszeichnung. Anschliessend ist er in den pharmazeutisch-chemischen Forschungslaboratorien der Firma Sandoz in Basel tätig, der er mehr als vier Jahrzehnte ununterbrochen die Treue hält. Dort befasst er sich vor allem mit Arzneimittelpflanzen und Pilzen. Besonders interessieren ihn die Alkaloide (Stickstoffverbindungen) des Getreidepilzes Mutterkorn. 1938 isoliert er den Grundbaustein aller therapeutisch bedeutsamen Mutterkornalkaloide, die Lysergsäure; diese versetzt er mit einer Reihe von Chemikalien. Die so gewonnenen Lysergsäure-Derivate testet er dann auf kreislauf- und atmungsanregende Wirkungen – unter anderem das LSD-25 (Lysergsäurediäthylamid). Weil die beobachteten Effekte hinter den Erwartungen zurückbleiben, verlieren die Pharmakologen von Sandoz jedoch rasch das Interesse daran.
    Einer «merkwürdigen Ahnung» folgend, wendet sich Albert Hofmann fünf Jahre später dem LSD-25 erneut zu. Am 16. April 1943, während des Synthetisierens, überkommen ihn plötzlich sonderbare Empfindungen – «eine merkwürdige Unruhe, verbunden mit einem leichten Schwindelgefühl» –, die ihn veranlassen, die Laborarbeit zu unterbrechen. Zu Hause «legte ich mich nieder und versank in einen nicht unangenehmen rauschartigen Zustand, der sich durch äusserst angeregte Phantasie kennzeichnete. Im Dämmerzustand bei geschlossenen Augen – das Tageslicht empfand ich als unangenehm grell – drangen ununterbrochen phantastische Bilder von ausserordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel auf mich ein. Nach etwa zwei Stunden verflüchtigte sich dieser Zustand.»
    Drei Tage später, am 19. April 1943, begibt sich Hofmann auf den ersten freiwilligen LSD-Trip der Menschheitsgeschichte. Weil er die enorme Wirksamkeit der Droge noch nicht einschätzen kann, nimmt er um 16.20 Uhr mit 250 Mikrogramm eine unerwartet hohe Dosis ein – und lernt die halluzinogene Macht der Substanz intensiv kennen.
    Mit der Entdeckung des LSD hat Albert Hofmann einen Schneeball ins Rollen gebracht, der im Nu zu einer Lawine anschwillt. Sie beeinflusst das ausgehende zweite Jahrtausend, zumindest in der westlichen Welt, in einem Masse, das nur noch mit der «Pille» vergleichbar ist. Von einer «Atombombe des Geistes» sprachen Bewusstseinsforscher ehrfürchtig.
    Zur Forschung, die nun weltweit einsetzt, trägt Albert Hofmann mit eigenen Studien wesentlich bei. So gelingt es ihm 1958 als erstem, aus den mexikanischen Zauberpilzen (Psilocybe mexicana) die psychoaktiven Wirkstoffe Psilocybin und Psilocin zu isolieren; in Ololiuqui, den Samen einer Trichterwinde, findet er Inhaltsstoffe, die dem LSD verwandt sind. Er isoliert und synthetisiert die Wirkstoffe bedeutender Arzneipflanzen, um deren Wirkung zu untersuchen. Seine Grundlagenforschung beschert Sandoz mehrere erfolgreiche Arzneimittel: so das Geriatrikum Hydergin, das Kreislaufmittel Hydergot und das in der Gynäkologie eingesetzte Methergin.
    Bis zu seiner Pensionierung 1971 bleibt Hofmann bei Sandoz tätig, zuletzt als Leiter der Forschungsabteilung für Naturheilmittel. Danach widmet er sich verstärkt dem Schreiben und Vortragen. Für seine wissenschaftlichen Pionierarbeiten findet er zunehmend Anerkennung: Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, die Universität Stockholm und die Freie Universität Berlin verleihen ihm Ehrendoktorwürden.
    Ausgezeichnet wurden dabei herausragende Forschungsbeiträge – doch Albert Hofmanns Lebenswerk umfasst weitaus mehr. Von Anfang an begleitet er wohlwollend die Bemühungen von Ärzten und Psychotherapeuten, LSD in neue Ansätze zur Behandlung von vielerlei chronischen Krankheiten einzubeziehen. LSD nützt aber nicht nur bei speziellen Diagnosen – nach Hofmanns Überzeugung käme das «psychedelische» Potential der «Wunderdroge» jedem von uns zugute. In den veränderten Bewusstseinszuständen, die LSD auslöst, sieht sein Entdecker keineswegs bloss psychotische Wahnzustände eines chemisch manipulierten Gehirns, sondern Fenster zu einer höheren Wirklichkeit – wahrhaft spirituelle Erfahrungen, in denen sich ein gewöhnlich tief verschüttetes Potential unseres Geistes, die Göttlichkeit der Schöpfung, unsere Verbundenheit mit ihr offenbart. «Der einseitige Glaube an die naturwissenschaftliche Sicht des Lebens beruht auf einem folgenschweren Irrtum», schreibt Hofmann in Einsichten - Ausblicke. «Zwar ist alles wahr, was sie enthält – aber dies repräsentiert bloss die eine Hälfte der Wirklichkeit; nur deren materiellen, quantifizierbaren Teil. Ihr mangelt es an all jenen spirituellen Dimensionen, die nicht in physikalischen oder chemischen Begriffen beschrieben werden können; und gerade diese schliessen die wichtigsten Charakteristika alles Lebens ein.»
    Von einer Chemikalie, welche diese Aspekte der Welt erkennen hilft, profitiert nicht nur der einzelne Konsument; für Hofmann könnte sie Defizite heilen helfen, an denen die westliche Welt chronisch krankt: «Materialismus, Entfremdung von der Natur (...), Mangel an beruflicher Erfüllung in einer mechanisierten, leblosen Arbeitswelt, Langeweile und Ziellosigkeit in einer wohlhabenden, saturierten Gesellschaft, das Fehlen einer sinnstiftenden philosophischen Grundlegung des Lebens». Von Erfahrungen ausgehend, wie LSD sie vermittelt, könnten wir «ein neues Bewusstsein der Wirklichkeit entwickeln», das «zur Grundlage einer Spiritualität werden könnte, die nicht auf den Dogmen bestehender Religionen beruht, sondern auf Einsichten in einen höheren und tieferen Sinn» – darauf, dass «wir die Enthüllungen ‚im Buch, das der Finger Gottes schrieb‘, erkennen, lesen und verstehen». Wenn solche Einsichten «Eingang in unser kollektives Bewusstsein finden, könnte sich daraus ergeben, dass die naturwissenschaftliche Forschung und die bisherigen Zerstörer der Natur – Technologie und Industrie –, dazu dienen werden, unsere Welt in das zurückzuverwandeln, was sie einst war: in einen irdischen Garten Eden.»
    Mit dieser Botschaft wird aus dem genialen Chemiker ein tiefsinniger Naturphilosoph und kulturkritischer Visionär. Die kritische Distanz zur LSD-Euphorie von Hippie- und Flower Power-Bewegten hat Albert Hofmann allerdings nie aufgegeben; dass er ein «Sorgenkind» in die Welt gesetzt hat, betont er schon im Titel seines bekanntesten Werks. Stets weist er auf die Risiken eines unkontrollierten Konsums hin. Andererseits wird er nicht müde zu betonen, was LSD von den meisten anderen Drogen grundlegend unterscheidet: Auch bei wiederholtem Gebrauch macht es nicht abhängig; es schränkt das Bewusstsein nicht ein; in üblicher Dosis ist es völlig ungiftig. Die pauschale Verteufelung von Psychedelika, die Massenmedien und konservative Regierungen von den sechziger Jahren an betrieben, konnte er nie nachvollziehen; für ihn spricht nichts dagegen, dass psychisch stabile Persönlichkeiten in ausgeglichener Stimmungslage und angenehmer Umgebung LSD zu sich nehmen. Um so enttäuschter war Albert Hofmann, als er miterleben musste, wie der Gebrauch von LSD seit den ausgehenden sechziger Jahren weltweit kriminalisiert und verboten wurde – sogar zu therapeutischen und Forschungszwecken.
    Die Anstösse zu einer Kehrtwende, die vom internationalen Symposium «LSD – Sorgenkind und Wunderdroge» anlässlich seines hundertsten Geburtstags ausgegangen sind, empfand er als schönstes Geburtstagsgeschenk. Mit bald 102 Jahren nahm er mit grosser Freude zur Kenntnis, dass nach einem Unterbruch von rund 35 Jahren, im Dezember 2007 in der Schweiz eine Studie zur therapeutischen Anwendung des LSD vom BAG bewilligt wurde.
    Sein Leben im Alter ist für viele Menschen zu einem Idealbild geworden dafür, wie wir in geistiger und körperlicher Frische ein hohes Alter erreichen können, wenn wir uns die kindliche Neugier zu bewahren vermögen.
    Er drückte mehrfach seine Überzeugung aus, dass seine mystischen Erfahrungen und Reisen in andere Welten des Bewusstseins, die er als Kind spontan und später in seinen Experimenten mit psychedelischen Substanzen erlebt hatte, die beste Vorbereitung auf die letzte Reise seien, die jeder am Ende seines Lebens anzutreten hat. Er hat sich die Neugier selbst für seine letzte Reise bewahren können. 30|4|08

    (www.gaiamedia.org)

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